Leben in der Genossenschaft: Ein Stück Sicherheit in unsicheren Zeiten

BAHOGE-Präsident Franz Cahannes erklärt, warum der Genossenschaftsgedanke im „Uno-Jahr der Genossenschaften“ tatsächlich aktueller ist denn je.

Europa leidet unter den Folgen der Börsen- und Bankenkrise. Die Billionen, welche die Regierungen seit 2007 aufgewendet haben, um die Krise halbwegs in den Griff zu bekommen, fehlen nun in den Staatskassen. Spanien, Italien und Portugal sitzen tief in der Bredouille. In den beiden ersten Ländern kam es zu Regierungswechseln. Portugal musste mittels Finanzspritzen gestützt werden. Besonders hart traf es Griechenland, welches bisher trotz dem Rettungsschirm der EU, einem Schuldenschnitt von über 100 Milliarden und vor allem trotz immensen Opfern der Bevölkerung dem Staatbankrott nur knapp entging.

Starker Franken belastet die Schweizer Wirtschaft

Diese Schuldendiskussion hält Europa in Atem. Sie wirkt sich auch auf die Schweiz aus. Das Vertrauen in den Euro sinkt und Währungen wie der Schweizer Franken gewinnen enorm an Stärke. Innert Monaten sank der Wechselkurs des Euros zum Franken von 1.40 Fr. hin zur Parität. Damit wurden Exportprodukte massiv verteuert und der Tourismus geschwächt. Im September 2011 dann legte die Nationalbank einen Mindestkurs von 1.20 fest. Dennoch wirkt sich die Eurokrise negativ auf die Wirtschaftsentwicklung in der Schweiz aus. Zur Stabilisierung der Konjunktur tragen der private Konsum – er macht rund 60 Prozent des BIP aus – und die Bauwirtschaft bei.

Die stabile Baukonjunktur und der anhaltende Boom im Wohnungsbau tragen wesentlich zur insgesamt trotzdem befriedigenden Wirtschaftsentwicklung bei. In der Schweiz wurden 2011 so viele Wohnungen gebaut wie seit 1995 nicht mehr. Gegenüber dem Jahre 2010 nahm die Zahl der neu gebauten Wohnungen laut Bundesamt für Statistik um 11,5% auf 45’750 Einheiten zu. Und ein Ende des Booms in Ballungsgebieten ist nicht in Sicht. Ende Dezember befanden sich 67’750 Wohnungen im Bau.

Wohnungsnot trotz Bauboom

Angetrieben wird der Bauboom von tiefen Zinsen, der Einwanderung und dem steigenden Raumanspruch. Die andere Seite der Medaille sieht jedoch weniger erfreulich aus. Trotz der enormen Wohnbautätigkeit vermag diese den steigenden Wohnraumbedarf insbesondere in den Ballungszentren nicht zu decken. Die tiefen Zinsen führen nämlich zu einem übermässigen Wachstum des Wohneigentums vor allem im höheren Preissegment. Daraus könnte sich eine Immobilienblase entwickeln, welche bei ansteigenden Zinsen platzt.

Demgegenüber fehlen bezahlbare Wohnungen. In der Stadt Zürich herrscht mit einem Leerwohnungsbestand im Zehntels-Promille-Bereich Wohnungsnot. Auch in der Agglomeration sind Wohnungen bei einem Leerstand von 0,5% Mangelware. Diese Wohnungsknappheit führt zu hohen Preisen. Gebaut wird nämlich vorab privat. Im Kanton wurden im vergangenen Jahr etwa 10’000 Wohnungen neu erstellt: gerade so viel, um den anhaltenden Zuwachs an Wohnungsbedarf zu verdauen. Zuwenig aber, um einen Leerwohnungsbestand von 1,5% zu erreichen, der für einen funktionierenden Wohnungsmarkt nötig wäre.

Genossenschaften statt Spekulation

Um den Anteil des gemeinnützigen Wohnungsbaus, der derzeit im Kanton bei 10% aller Wohnungen liegt, halten zu können, müssten die Genossenschaften jährlich mindestens tausend neue Wohnungen erstellen. Davon sind wir leider weit entfernt. Tatsächlich gelingt es allen Zürcher Wohnbaugenossenschaften zusammen, lediglich drei- bis vierhundert neue Wohnungen jährlich auf den Markt zu bringen. Somit nimmt der Anteil des gemeinnützigen Wohnungsparks schleichend ab, und Profitdenken und Spekulation dominieren den Wohnungsmarkt immer mehr.

Gut, dass die städtischen Stimmbürger/-innen mit dem wohnpolitischen Grundsatzartikel in der Gemeindeordnung «Bezahlbare Wohnungen für Zürich» Ende November Gegensteuer gegeben haben. Dieser Grundsatzartikel, der mit einem überwältigenden Mehr von 76% der Stimmen angenommen wurde, verankert die Förderung des nicht gewinnorientierten Wohnungsbaus in der Gemeindeordnung. In der Stadt Zürich stellt der gemeinnützige Wohnungsbau bereits 24% oder gegen 50’000 Wohnungen, in denen mehr als 30% der städtischen Wohnbevölkerung leben. Jetzt soll dieser Anteil schrittweise auf einen Drittel aller Mietwohnungen erhöht werden, wobei die Bedürfnisse von Familien und älteren Menschen und die Anforderungen des ökologischen Wohnungsbaus besonders berücksichtigt werden.

Die überwältigende Zustimmung zu diesem Grundsatzartikel zeigt, dass breite Bevölkerungskreise, bis weit in den oberen Mittelstand hinein, die aktuelle Lage mit steigenden Mietzinsen als unerträglich empfinden und der massiven Gegenkampagne des Hauseigentümerverbands und der bürgerlichen Parteien SVP und FDP kein Gehör schenkten.

Renaissance der Genossenschafts-Idee

Noch vor zehn Jahren wurden die Genossenschaften als Auslaufmodell betrachtet. Die Suche nach höchstem Profit sei für alle von Nutzen, hiess es. Genossenschaften galten als Anachronismus. In Konsumgenossenschaften wie der Migros oder Coop wurde der Genossenschaftsgedanke ausgehöhlt. Die Rentenanstalt wurde von einer Genossenschaft in die Swisslife Aktiengesellschaft umgewandelt und schrammte kurz darauf – infolge Spekulation, Insidergeschäften und übersetzten Boni für die Chefetage – am Konkurs vorbei.

Doch jetzt wird klar: Das Soziale als Unternehmenszweck ist aktueller denn je. Genossenschaften sind ein Modell der Zukunft. Vor allem – aber nicht nur – im Bereich Wohnen. Ihre spezielle Rechtsform hat die Genossenschaften vor der Ausweidung und Filetierung durch aggressive Finanzfirmen bewahrt. Stellen wir uns vor, Hedgefonds oder Banken hätten freie Hand, eine Unterkapitalisierung von Coop, die stillen Werte der Migros-Immobilien oder die Gewinnpotenziale und stillen Reserven der grossen Zürcher Baugenossenschaften auszubeuten und zur unfreundlichen Übernahme anzusetzen!
Vor drei Jahren haben wir die Folgen einer solchen kurzsichtigen Gewinnmaximierung erlebt: Die globale Finanzwirtschaft brach wegen der aggressiven, auf den eigenen Profit ausgerichteten Strategie der viel gefeierten Manager zusammen. Inzwischen ist es üblich geworden, die Auswüchse der zu hohen Managergehälter und der Spekulation zu kritisieren. Aber es geht nicht nur um die «Wirtschaftsführer» und ihre «Gier». Die Probleme liegen tiefer. Die Frage nach dem Zweck und dem Ziel des Wirtschaftens muss wieder gestellt werden.

Genossenschaften als Alternative

Die Genossenschaften stellen eine grundlegende Alternative dar. Bei ihnen steht nicht Profitmaximierung im Zentrum aller Entscheide, sondern sie verfolgen soziale Ziele. Der Nutzen der beteiligten Menschen soll gesteigert werden. Das heisst der Nutzen für die Konsumenten, die Arbeitnehmenden und Wohnenden.

Genossenschaften wurden immer dann aufgebaut, wenn ein grosses soziales Problem nach einer gemeinschaftlichen Lösung rief. Genossenschaften sind «eine Strategie, die der Befreiung aus Abhängigkeiten sachlich-materieller, sozialer und politischer Art dient und die kollektives Handeln erfordert» (Robert Purtschert, «Das Genossenschaftswesen in der Schweiz», 2005, S. 303). Mit anderen Worten: Es geht um die Befreiung aus Not dank kollektivem Handeln. Nicht zufällig ist die Definition der Genossenschaften verwandt mit der Definition der Gewerkschaften.

Aus der Not der viel zu mageren Einkommen entstanden vor hundert Jahren die Konsumgenossenschaften, aus der Wohnungsnot und der Arbeitslosigkeit der 1920er- und 1940er-Jahre die Wohnbau- und die Produktivgenossenschaften. Als Selbsthilfe der kleinen und mittleren Bauern entstanden die landwirtschaftlichen Genossenschaften. Das Genossenschaftswesen ist ein Erfolgsmodell. Die Genossenschaften sind die bewährte Alternative mit vielen Vorteilen: günstig und bezahlbar.

Gemeinnütziger Wohnungsbau ist heute in der Schweiz durchschnittlich 15 Prozent billiger und in den Städten gar rund einen Drittel günstiger als Wohnraum von renditeorientierten Bauträgern. Dabei geht es um grosse Beträge. Würden alle Wohnungen alleine in der Stadt Zürich um durchschnittlich 200 Franken pro Monat teurer vermietet, hätten die Mieter jährlich eine halbe Milliarde Franken weniger für andere Ausgaben zur Verfügung.

Uno-Jahr der Genossenschaften

Die Genossenschaften bieten ihren Mietern zudem eine langfristige Perspektive und Sicherheit. Niemand muss Angst haben, dass im nächsten Monat gekündigt wird, um die Rendite für die Kapitaleigner zu erhöhen. Der dauerhafte Spekulationsentzug und das Prinzip der Kostenmiete führen zu tragbaren Mieten, denn es muss nur bezahlt werden, was den tatsächlichen Kosten entspricht und nicht, was der Eigentümer maximal auspressen kann. Das genossenschaftliche Modell des Wohnens ist nachhaltig, innovativ und erfolgreich. Daher braucht es jetzt in der Schweiz einen «Marshallplan» zur Förderung des genossenschaftlichen Bauens, so wie dies in Zürich und anderswo in den 1930er und 1940er- Jahren zur Bewältigung der Wohnungsnot geschah.

Zurück

Strassburgstrasse 11, Postfach, 8021 Zürich, Tel. 044 241 45 73,
designed by
 
powered by onsite.cms